Lieblingsgedichte

Adelbert von Chamisso (1781 – 1838)

Frisch gesungen!

Hab oft im Kreise der Lieben
   im duftigen Grase geruht,
und mir ein Liedlein gesungen,
   und alles war hübsch und gut.
Hab einsam auch mich gehärmet
   in bangem, düsterem Mut,
und habe wieder gesungen,
   und alles, alles war wieder gut.
Und manches, was ich erfahren,
   verkocht ich in stiller Wut,
und kam ich wieder zu singen,
   war alles, alles auch wieder gut.
Sollst uns nicht lange klagen,
   was alles dir wehe tut!
Nur frisch, nur frisch gesungen,
   und alles, alles wird wieder gut.

Die heilsame Wirkung des Singens beruft dies Gedicht. Vertont durch Friedrich Silcher, ist es für viele Sangesfreunde ein Herzensbekenntnis wie Prätorius' Kanon „Viva, viva la musica” und Luthers „Wer sich die Musik erkiest, / hat ein himmlisch Werk gewonnen.” Trotz der forschen Ermutigung „Frisch gesungen!” hat Silcher den Worten eine zwar in Dur gesetzte, nichtsdestoweniger sanfte und nachdenkliche Melodie unterlegt, weil er mehr darin mag gesehen haben.

Es fängt an wie eine Biedermeier-Idylle, aber die hält nicht lange. Die Zeile „und alles war hübsch und gut” klingt allzu harmlos, als dass sie von innerer Befreiung kündet. Der Zweifel bestätigt sich in den folgenden drei Strophen, die alle beteuern, dass das Singen die Unbill vertreibt, einräumend, dass es viel solche Unbill zu vertreiben gibt.

Leid und Ärger werden nicht konkretisiert, das schafft Distanz. Sie werden dadurch nicht geringer, die Zeilen „in bangem, düsterem Mut”, „verkocht ich in stiller Wut”, „was alles dir wehe tut” könnten es deutlicher nicht aussprechen. Und doch bleibt stets die Hoffnung, dass „alles wieder gut” wird. Ja, das Singen wird am Ende als Mittel gepriesen, auch in Zukunft allen Widrigkeiten zu begegnen.

Dass allerdings die Erleichterung in jeder Strophe aufs Neue gesucht werden muss, zeigt, dass sie immer nur vorübergehend wirkt; eine nachhaltige Lösung wird nicht erreicht. So bleibt am Ende beides im Gedächtnis: Das Singen wird als Mittel der Befreiung gepriesen, die Hartnäckigkeit der Drangsale nicht geleugnet. Damit die Erleichterung überhaupt zustande kommt, ist neben dem Gesang die Gemeinsamkeit „im Kreise der Lieben” unverzichtbar.

Als gebürtiger Franzose infolge der Revolution nach Deutschland verschlagen, beschrieb Chamisso seine Lage wie folgt1: „ … Franzose in Deutschland und Deutscher in Frankreich, Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken, Philosoph bei den Gläubigen und Heuchler bei den Männern des Ressentiments, Jakobiner bei den Aristokraten und Mann des ancien régime bei den Demokraten. Ich habe nichts, wohin ich gehöre, ich bin überall fremd.”

In Adelberts Fabel2, die auf Grund der Überschrift auf ihn selbst bezogen werden darf, heißt es: „Auch hatten sich rings um ihn, so weit er sehen konnte, Mauern aus Eis getürmt, die ihn umfingen und sich eng und enger um ihn drängten, gleich Mauern eines Kerkers, eines Grabes.” Er entkommt dieser Erstarrung, indem er, in der Fabel, über das Wollen zum Mit- oder Gemeinsam-Wollen – „im Kreise der Lieben” – findet und sich, in der Realität, anders als Eltern und Geschwister3 für ein Leben in Deutschland entscheidet und neben der Poesie zu einem geachteten und geehrten Naturforscher wird.

Der Chamisso-Preis/Hellerau trägt seiner Lebensgeschichte Rechnung. Ausgezeichnet werden damit „herausragende Beiträge zur Gegenwartsliteratur von Autorinnen und Autoren, die aus ihrer je persönlichen Erfahrung eines Sprach- oder Kulturwechsels heraus neue, eigenständige literarische Antworten auf den Wandel unserer modernen, pluralen und globalisierten Welt zu geben vermögen.” 4

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1 zitiert im Deutschlandfunk (24.7.2021)
2 Chamisso, Adelbert von, Adelberts Fabel, im projekt-gutenberg.de >24.7.2021)
3 Bienert, Michael, Familie Chamisso auf der Flucht (27.7.2021)
4 so die entsprechende Website chamissopreishellerau.de (24.7.2021)
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