Lieblingsgedichte

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)

Vereinsamt

      Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
      Bald wird es schnein, –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!
      Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
      Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?
      Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
      Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.
      Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
      Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.
      Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
      Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
      Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
      Bald wird es schnein, –
Weh dem, der keine Heimat hat!

„Nietzsche gab dem Gedicht unterschiedliche Überschriften, Abschied, Heimweh, Die Krähen schrei’n, Aus der Wüste, und schließlich Vereinsamt.” (Wikipedia, 25.10.2020)

Vereinsamt – nicht einsam von Natur aus, sondern, vielleicht erst vor kurzem, einsam geworden ist das Ich des Gedichts, gleichzeitig das Du dieses inneren Monologs. Einsam geworden ist es nicht durch blindes Wirken des Schicksals, sondern aus eigenem trotzigen Entschluß. Das war vielleicht nicht klug, auch der Zeitpunkt nicht klug gewählt; doch der Entschluss hätte zu jedem Zeitpunkt das Tor zu tausend Wüsten stumm und kalt aufgestoßen.

In allen sechs Strophen fällt ein Wort auf, das die Kälte der Einsamkeit heraus schreit: schnei'nWintersstumm und kaltWinter-Wanderschaft und kältern HimmelnEis und Hohn – und noch einmal schnei'n. Man mag kaum glauben, dass Wärme und Geborgenheit von Heimat mehr als eine Illusion ist. Was heißt das überhaupt: Heimat haben?

Heimat haben wird im doppelten Wortsinne gebraucht. In der ersten Strophe – wohl dem, der jetzt noch Heimat hat – heißt es, geborgen sein in Familie, Freundschaft, Gleichklang und Vertrauen. In der letzten Strophe – weh dem, der keine Heimat hat – bedeutet es, diese Geborgenheit nicht nur zu entbehren, sondern niemals erfahren zu haben, das macht die Not doppelt schwer.

Schwer genug ist es in jedem Falle, eine übermenschliche Anstrengung, die einem den Atem nimmt. Diese Atemnot spricht aus den ungleich langen, heraus gestoßenen, abwechselnd zweihebigen und vierhebigen Gedichtzeilen mit ihren durchgängig männlichen Kadenzen.

Das Gedicht entstand im Jahre 1884, als Nietzsche immer noch an seinem Zarathustra arbeitete. Es ist in diesem Werk, dass ein Possenreißer dem Zarathustra nach missglückter Lehr-Rede rät: „Geh weg von dieser Stadt, oh Zarathustra, […] es hassen dich hier zu Viele. Es hassen dich die Guten und Gerechten und sie nennen dich ihren Feind und Verächter; es hassen dich die Gläubigen des rechten Glaubens, und sie nennen dich die Gefahr der Menge.” (Projekt Gutenberg, 26.10.2020) So ähnlich muss sich Nietzsche wohl selbst gesehen haben.

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